Sonntag, 20. November 2005

Zwei Maximen des Handelns

Oft im Leben ist man sich ja unschlüssig, ob man etwas bestimmtes tun oder lassen soll.

Manchmal unterlässt man etwas aus Bequemlichkeit oder Feigheit und plagt sich noch lange danach, dass man eine Chance verpasst hat, das eigene Leben, das Leben anderer oder das Zusammenleben insgesamt zu verbessern. (Zum Beispiel wenn man einen offensichtlich einsamen Menschen, der bei der Begegnung an einem öffentlichen Ort -z.B. in einem Museum- das Gespräch suchte, links liegen lassen hat. Eventuell hat man dann nicht nur einen anderen Menschen in seiner Einsamkeit belassen, sondern sich auch selbst der Möglichkeit beraubt, eine interessante Lebensgeschichte kennenzulernen.)

Andererseits kann es auch passieren, dass man voller Elan in irgendeiner Sache aktiv wird, nur um hinterher festzustellen, dass man die Dinge unumkehrbar "verschlimmbessert" hat. Wer hat nicht schon bereut, ein eigentlich unnötiges Programm auf seinem Rechner installiert zu haben, welches dann andere Anwendungen oder gleich das ganze Betriebssystem unbrauchbar gemacht hat?

Ich habe festgestellt, dass mich zwei einander teilweise entgegengesetzte Maximen bei der Entscheidung, ob ich etwas tun oder unterlassen soll, im allgemeinen recht gut beraten:

(1) Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

(2) Verwechsle nicht Aktivität mit Fortschritt.

Die erste Maxime ist zwar flapsig und sprachlich unkorrekt formuliert, kann einem aber sehr gut dabei helfen, sich selber einen Ruck zu geben. Dadurch kann man vermeiden, eine sinnvolle Handlung nur aus Bequemlichkeit oder Feigheit zu unterlassen.

Die zweite Maxime dient dazu, mit der ersten nicht über das Ziel hinauszuschießen und nicht in Aktionismus, also Handeln nur um des Handeln willens zu verfallen.
Es gilt im heutigen Leben (vor allem im Arbeitsleben) als schick, alles dauernd noch weiter perfektionieren zu wollen. Das wird dann untermauert mit Sätzen wie "Das Gute ist der Feind des Besseren", "Stillstand ist Rückschritt" und ähnlichen undurchdachten Slogans.
Meiner Erfahrung nach führt dieser Perfektionismus im wirklichen Leben meistens geradewegs ins Scheitern: Die Ergebnisse dieses Perfektionsanspruchs sind in aller Regel schlechter als das, was man ohne ihn erreicht hätte. Deshalb lautet meine Devise, das das Gute gut genug ist. Man braucht nicht nur das Perfekte nicht zu ändern, auch beim Guten gibt es keinen Änderungsbedarf. (Warum sonst würde man es als "gut" einstufen?)

Es ist uns in unserer kulturellen Prägung eingeimpft, dass Handeln, Fleiß, Arbeit immer etwas Richtiges und Bewundernswertes sind. Wie viele Menschen erzählen einem voller Stolz, dass sie immer eine 60-Stunden-Woche haben? Dabei deutet das nur darauf hin, dass sie etwas verkehrt machen und in irgendeiner Weise ineffizient arbeiten. In unserer hochtechnisierten und -automatisierten Gesellschaft sollte niemand mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen, um seinen Lebensstandard halten zu können. Dann bleibt auch noch etwas Freizeit, in der man sich seinen eigentlichen Interessen widmen kann. (Natürlich gibt es Menschen, für die die Arbeit ihr Hobby ist. Aber die sollten sich dann auch nicht moralisch überlegen fühlen, wenn sie diesem ihrem Hobby mehr als die reguläre Wochenarbeitszeit widmen. Sie tun es schließlich zu ihrem eigenen Vergnügen.)

Man vergesse nicht, dass die meisten Fortschritte in der Technik nicht durch Fleiß, sondern letztlich durch Faulheit zustande gekommen sind: Weil der Mensch zu faul zum Laufen und Schleppen war, erfand er das Rad und den Pferdekarren. Weil er zu faul zum Pflegen der Pferde war, erfand er später die Dampflok und das Automobil. Weil er zu faul zum dauernden Abschreiben von Büchern war, erfand er den Buchdruck. Man könnte noch zahllose weitere Beispiele aufführen. Letztlich bleibt aber die Erkenntnis, dass nicht Fleiß, sondern neben dem Willen zum Leben (aus dem die medizinischen Fortschritte entstanden sind) Faulheit der eigentliche Fortschrittsmotor war und ist.

Montag, 31. Oktober 2005

Rot-Grün reloaded

Nach dem überraschenden Abgang Münteferings werden die meisten Kommentatoren von Katzenjammer und Krise bei der SPD sprechen. Und die Parteilinken der SPD werden zu den Schuldigen erklärt werden - nur weil sich der herrische Noch-Parteichef nicht vorstellen kann, statt eines Kofferträgers eine selbstbewusste, junge Frau an seiner Seite zu haben.

Aber muss das notwendigerweise so sein? Es ist doch interessant zu sehen, dass mit Schröder, Müntefering und Joschka Fischer nun genau diejenigen abgetreten sind, die für eine sieben Jahre währende Ära von Rot-Grün standen, in der der Sozialstaat stärker demontiert wurde, als es unter Kohl je denkbar gewesen wäre. Nun wäre eine günstige Gelegenheit für die SPD-Linken zur Revolte. Sie könnten nun eine/n Vorsitzende/n installieren, die/der wieder den Fokus auf Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit legt.

Damit würde sich eine ganz neue Perspektive eröffnen: Es könnte dann nämlich tatsächlich doch noch eine Rot-rot-grüne Koalition zustande kommen, bei der niemand einen Gesichtsverlust erleiden müsste, da die Ausgangsposition eine ganz andere wäre.

Dann würde die linke Mehrheit in der Bevölkerung zu ihrem Recht kommen und es könnte einen wirtschaftlichen und sozialen Wechsel zu ganz neuen, faireren Zeiten geben.

Mittwoch, 5. Oktober 2005

Lidl & Kaufland boykottieren: sofort!

Dass in vielen Lidl-Filialen Sklavenhaltermethoden angewandt werden, ist seit langem bekannt und gut dokumentiert.

Nun setzt sich Lidl in seiner Filiale Calw aber auch noch über die deutsche Rechtsprechung hinweg: Trotz einer gerichtlichen Verfügung, dass die dortige Lidl-Filiale nicht nur wegen der Gründung eines Betriebsrates geschlossen werden darf, hat die Lidl-Geschäftsleitung eben dies getan. Wie Angestellte der dortigen Filiale im Weblog zu verdis "Schwarzbuch Lidl" berichten, wurden dazu mehrere junge Männer und eine junge Frau angeheuert, die nach dem Anbringen entsprechender Schilder an der Calwer Filiale in ihrem Fahrzeug eine wilde Flucht antraten und dabei noch einen Mann auf die Motorhaube nahmen, der mit einem Schock und Prellungen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Den auf einem Soli-Fest anwesenden Mitarbeitern kamen diese Agenten sehr bekannt vor: Offenbar waren sie schon in den Monaten zuvor mehrfach als vermeintliche Kunden in der Calwer Lidl-Filiale in Erscheinung getreten und hatten dabei viele Fragen zu stellen.

Das sind Mafia-Methoden, über die man als Kunde auch trotz billigster Preise nicht mehr hinwegsehen darf. Den Eigentümern der Lidl-Kette, den Schwarz-Brüdern, denen auch die Kette Kaufland gehört, muss klargemacht werden, dass Menschlichkeit allemal Vorrang vor immer weiteren Profitsteigerungen hat. Das werden sie aber nur begreifen, wenn sie es an ihren eigenen Zahlen merken. Daher: Lidl-Boykott sofort!

Dienstag, 4. Oktober 2005

Leistung muss sich mindestlohnen

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass diejenigen, die einen Mindestlohn zu Teufelszeug erklären, exakt dieselben sind, deren Lieblingsparole vor ein paar Jahren war: "Leistung muss sich wieder lohnen"?

Ich frage mich, inwiefern sich Leistung für jemanden lohnt, der/die für Vollzeitarbeit einen Hungerlohn unter € 1000,- bekommt.

Darüberhinaus verstößt es gegen die grundgesetzlich geschützte Menschenwürde, wenn man einen Menschen acht Stunden am Tag für sich arbeiten lässt, aber diesen dann mit einem Lohn abspeist, mit dem er sich gerade mal so am Leben erhalten kann, ohne jede Chance, jemals eigenes Vermögen aufzubauen.

Also: Leistung muss sich mindestlohnen!

Montag, 12. September 2005

Die Krisen-Lüge

Vor der Bundestagswahl fällt mir vor allem die Krisen-, Untergangs- und Stillstandsrethorik auf, mit der die Mainstreammedien mit aller Macht das Blatt noch in Richtung Schwarz-Gelb wenden wollen. Da wird Deutschland mal mit einem brennenden Haus verglichen und mal mit einem untergehenden Schiff. Und um die Absurdität auf die absolute Spitze zu treiben wird sogar manchmal noch von Stillstand geschrieben.

Nur zur Erinnerung: Die aktuelle Regierung hat in den letzten drei Jahren soviel reformiert, wie die vorangegangene unter Kohl in 16 Jahren nicht. Und dieses durchaus auch zum Nachteil vieler Menschen. Von Stillstand also keine Spur. Zudem sollten diejenigen, die nach einem noch radikaleren und totaleren Umbau des Systems in Deutschland rufen, mal überlegen, in welche unheilvolle Tradition sie sich damit stellen.

Und dann zum angeblichen Schreckgespenst große Koalition: Es gibt in Deutschland nun mal keine stabile Mehrheit mehr rechts von der SPD. Das ist auch eine Folge der Wiedervereinigung, an die die Vertreter der großbürgerlichen Parteien CDU und FDP sich besser langsam gewöhnen sollten. Eine große Koalition hätte den Charme, dass auch unpopuläre aber nötige Änderungen endlich einmal umgesetzt werden könnten (Wegfall der Eigenheimzulage, Erhöhung des Renteneintrittsalters), ohne dass die CDU ihre neuerworbenen marktradikalen Vorstellungen a la Kirchhoff umsetzen könnte. (Ludwig Erhard würde sich beim Lesen des heutigen CDU-Programms übrigens im Grabe umdrehen. Sein Hauptwerk hieß schließlich "Wohlstand für alle" und nicht "Noch mehr Wohlstand für die oberen Zehntausend".)
Die große Koalition, die es in Deutschland schon einmal gab, war nach einhelliger Ansicht aller Historiker sehr erfolgreich.

Wer die große Koalition für das kleinere Übel vor einer marktradikalen schwarz-gelben Koalition hält, sollte am Sonntag SPD wählen.
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Natürlicher Verstand

Dem Hauke seine Gedankenschnipselverwertung

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